Unter Strom

16. März 2011

Während in Japan die Atom-Katastrophe ihren Lauf nimmt, arbeitet in einer Kreuzberger Fabriketage ein kleines, hoch effektives Team am endgültigen Atomausstieg. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) gehören derzeit zu den gefragtesten Experten in TV und Radio und sorgen für jede Menge öffentlichen Druck. Enter hat einen Blick in den Maschinenraum der Engagement-Profis geworfen.

„Ich habe keine Zeit für die Team-Sitzung! Guckt euch mal meine Telefonliste an!“ ruft Pressesprecherin Angelika Wilmen durch die Kreuzberger Fabrik-etage. Ihre Kollegin, Xanthe Hall, besteht darauf: „Wir müssen wenigstens eine kurze Krisensitzung machen! Fünf Minuten!“ In der Berliner Geschäftsstelle der IPPNW rotieren seit den dramatischen Ereignissen in Japan alle verfügbaren Mitarbeiter. Pausenlos fragen Journalisten nach Gesprächspartnern: gestern „Beckmann“, heute „Maischberger“, morgen „Hart, aber fair“. Jeder Mitarbeiter hat mindestens einen Telefonhörer am Ohr und versucht parallel am Computer zu arbeiten. Pressemitteilungen werden verfasst, die Facebook-Seite aktualisiert, Fachinformationen ins Netz gestellt. Gerade haben zwei Mitarbeiterinnen die Raumteiler zur Seite geschoben, damit man besser sehen kann, wer telefoniert und wer sofort auf Zuruf etwas erledigen kann. Kurze Wege sind unerlässlich.

In Kreuzberg laufen auch die Fäden aus anderen Sektionen zusammen. Die Berliner stehen in engem Kontakt mit den Kollegen in Japan. Diese melden sich per E-Mail, geben neueste Nachrichten weiter und berichten vor Ort – mitunter auch von Einsätzen beim Bergen und Identifizieren von Leichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rund 7.000 Mediziner, Psychiater, Physiotherapeuten und Studierende engagieren sich in der deutschen Sektion der IPPNW, die nicht nur am Verbot von Nuklearwaffen und dem Ende der friedlichen Nutzung von Atomkraft arbeitet, sondern sich auch für Friedenspolitik, Flüchtlinge und andere soziale Projekte stark macht. Viele sind zu ausgewiesenen Experten in Sachen nuklearer Risiken geworden. Wurden die Mitglieder früher vor allem als Friedensaktivisten wahrgenommen, gelten sie inzwischen als Fachleute, die mit medizinischer, aber auch gesellschaftspolitischer Expertise auftreten. Die Organisation hat sich massiv professionalisiert, und vor allem die Medien wissen das zu schätzen.

Das Renommée des Friedensnobelpreises, der den IPPNW 1985 verliehen wurde, hat dabei nicht geschadet.

Während Pressesprecherin Angelika Wilmen die Redaktion von „Hart, aber fair“ mit den Kontaktdaten eines Gesprächspartners versorgt, laufen im Sekretariat die nächsten Anfragen ein: „Die Deutsche Welle braucht heute jemanden live im Studio Berlin. Thema: ‚Welche Maßnahmen muss die japanische Regierung jetzt ergreifen?‘ Haben wir da jemanden?“, will Ulla Gorges wissen. „Herr Rosen, war gestern bei ARD Fakt und im ZDF, der hat das richtig gut gemacht. Kann der nicht?“, fragt Anglika Wilmen. Im Minutentakt vermittelt Sie nun Mitglieder der Organisation, die sich auf ganz Deutschland verteilen, an Fernsehanstalten, Radiosender und Zeitungen.

Der übliche Pool für solche Anfragen ist längst erschöpft, jetzt muss jeder ran – und das parallel zum Job als Arzt und Ärztin. Es ist ein Glücksfall, dass am vergangenen Wochenende die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins tagte. Dort konnten ad hoc Experten für viele Termine nominiert und neue Mitglieder für Auftritte in den Medien „gecastet“ werden. „Hätten wir nicht unsere Mitgliederversammlung gehabt, hätten wir ein Riesenproblem“, so Angelika Wilmen.

Seit 30 Jahren existiert die Organisation, die von einem US-amerikanischen und einem sowjetischen Kardiologen auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gegründet wurde. Was aber in den vergangenen drei Tagen los war, stellt die Belastbarkeit des Teams auf eine harte Probe. Der Stresstest in Sachen Öffentlichkeitsarbeit lässt kaum Betroffenheit zu. Alle wollen die womöglich historische Chance nutzen, einen endgültigen Atomausstieg in Deutschland zu erreichen. „Es ist furchtbar, aber offenbar muss erst ein atomarer GAU passieren, damit sich in Sachen Atomausstieg etwas bewegt“, kommentiert Angelika Wilmen die Situation. Und schon klingelt wieder das Telefon.

Xanthe Hall, Atomwaffenexpertin der IPPNW, arbeitet an einer aktuellen Kurzinformation zum Thema Radioaktivität und Atomenergie. Eine Mitarbeiterin fehlt ausgerechnet diese Woche, und das Faltblatt muss so schnell wie möglich auf die Internetseite. Von diesen Basisinformationen profitieren Journalisten ebenso wie die eigenen Mitglieder, andere Engagierte oder einfach besorgte Bürger. Das immense Interesse an belastbaren und aktuellen Informationen bringt die Internetseite der IPPNW  an die Belastungsgrenze. „Bei Partnerorganisationen wie „Ausgestrahlt“ haben die Server schon schlapp gemacht, ähnlich ging es teilweise Greenpeace“, erzählt Hall.

Unterdessen schlägt sich Ulla Gorges mit ganz anderen Anfragen herum. Reisende wollen erfahren, welche Strahlenbelastung aktuell in Shanghai vorliegt – eine Frage, die hier niemand beantworten kann. Es melden sich auch Bürger, die japanische Kinder aus der verstrahlten Zone aufnehmen wollen. Nett gemeint, aber derzeit nicht realisierbar. Der Gedanke könnte später in eine Organisation münden, wie die „Kinder von Tschernobyl“, die strahlenkranke Kinder zu Genesungsurlauben nach Deutschland holte.

Parallel drängt es auch in den anderen Aktionsfeldern der IPPNW. Referent Dr. Jens-Peter Steffen kümmert sich um die aktuellen Ereignisse in Libyen, Bahrain oder Afghanistan. Hier müssen Netzwerke gepflegt und eine Kampagne gegen eine Flugverbotszone in Libyen vorbereitet werden. Zusätzlich ist bald der 25. Jahrestag des Reaktorunfalls von Tschernobyl. Dazu ist ein Kongress Anfang April geplant – auch der muss weiter vorbereitet werden. Derzeit kommt alles zusammen.

Effizient, aber eher leise wird schon die nächste große Schlacht vorbereitet: Ist der Ausstieg in Deutschland erst einmal geschafft, soll so schnell wie möglich der Rest Europas folgen. „Die Debatte um den Atomausstieg in Europa hat bereits begonnen“, freut sich Angelika Wilmen.

Info:

Die IPPNW wurden 1981 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges von einer kleinen Gruppe amerikanischer und sowjetischer Mediziner gegründet. Ziel war ein Ende des atomaren Wettrüstens. Die Gefahren radioaktiver Verstrahlung, die heute weithin bekannt sind, wurden maßgeblich von den Freiwilligen der IPPNW öffentlich gemacht. Damit leistete die immer größer werdende Bewegung Grundlagenforschung und basale Informationsarbeit für Politiker, Journalisten, Gesundheitsberufe. 1985 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis. Im gleichen Jahr konnten die IPPNW Gorbatschow ein Atomtest-Moratorium abringen. Heute setzen sich Ärzte in 60 Ländern für eine „friedliche, atomtechnologiefreie und menschenwürdige Welt“ ein.

Text: Henrik Flor

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